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Aus dem Leben eines Hüttenwartes

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Aus meinem Leben

Mein Vater hatte es mich gelehrt: Falls Dinge einmal nicht so laufen, wie du es dir vorstellst, versuch es auf einem anderen Weg. Als sein ältester Sohn Helmut, damals gerade 18 Jahre alt geworden, im Mai 1953 durch einen Steinschlag in der Fuchskarspitze-Westverschneidung sein junges Leben verlor, verzagte er nicht und klagte auch nicht das Klettern an. Stattdessen ging er hin und durchstieg mit meinem heute zweitältesten Bruder Wolfgang die Route im dritten Schwierigkeitsgrad. Er wollte spüren, weshalb Helmut klettern gegangen war und was er dabei empfunden hat. Letztlich hat er damit versucht, den Tod seines Sohnes besser zu verarbeiten. Für uns jüngere Brüder war das damals das Startsignal, ebenfalls in die Berge zu gehen, zu klettern und im Leben Risiken einzugehen - beruflich, privat und in der Freizeit. Der Leitsatz meines Vaters und ein bis zum heutigen Tage gütiges Schicksal haben mir ein erfülltes Leben geschenkt. Wer mein Buch „Der Sturz ins Glück" gelesen hat, weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Das Jahr 1971 hatte es ganz besonders in sich: Dass mich meine Eltern 10 Jahre zuvor als Elfjährigen in den Ferien auf das Gimpelhaus in den Tannheimer Bergen verfrachtet hatten, darf als der Startschuss meiner Hüttenwirtslaufbahn bezeichnet werden. Ohne Eltern, ohne Handy, musste ich mich den Tag über um fünf Kühe kümmern, sie abends von irgendwo herholen und in die Gimpelalm treiben, wo Frau Kessler, die Sennerin, bereits mit dem Melkschemel wartete. Schon damals hatte ich Verantwortung zu tragen, was für mein späteres Leben richtungsweisend war. Die wilden Jahre begannen. Bei einem 30-Meter-Sturz in der Südverschneidung der Roten Flüh hatte ich in den Tannheimer Bergen eine große Portion Glück. Mein Leben erhielt dadurch einen tieferen Sinn, was mir spätestens immer dann wieder klar wurde, wenn ich vor einer neuen Entscheidung stand. Vier Jahre nach meinem Sturz starb mein Vater mit gerade einmal 65 Jahren, nach einem arbeitsreichen Leben und kaum in der Rente. Für mich ein Weckruf, mein eigenes Leben anders zu leben - im Hier und Jetzt und nicht irgendwann später. Dieses Signal löste bei mir eine derartige Dynamik aus, dass ich bereits zu Weihnachten 1978 Hüttenwirt auf der Stuibenhütte war. Dass sich daraus nahezu automatisch viele weitere Sommer ergaben, lag wohl daran, dass mir mein neuer Beruf einfach auf den Leib geschneidert war. Mit meiner liberalen Art, mit Menschen umzugehen und dem Händchen, auch bei einer überfüllten Hütte stets eine familiäre Atmosphäre herzustellen, gelang es mir, meinen Ruf als Hüttenwirt zu festigen.

Nun war ich in der glücklichen Lage, mein Leben anders zu leben - so, wie ich es wollte. Meine Reiseträume konnte ich nach und nach erfüllen, wobei ich mir im Klaren darüber war, dass dies so nur ohne Familie möglich war. Meine Unternehmungen während der Winterzeit gegen ein kulturelles Leben einzutauschen, waren wieder ein Schritt. Ich folgte einem Ruf, der ganz laut aus meinem Innern kam. Mit der Oberreintal-Ausstellung im Münchner Alpinmuseum und im Garmischer Kongresszentrum gelang mir der Durchbruch, der aber nur deshalb möglich war, weil ich im Winter Zeit hatte und eben keine Familie. Das dazugehörende Buch „Wände - Grate - Dome" war gleichzeitig der Auftakt zu sechs weiteren Büchern, und mein Verleger war mit den Verkaufszahlen ganz zufrieden. Mein Fleiß zahlte sich aus und der Lohn kam in Form eines alten Bauernhofs im Allgäu, welchen ich im Herbst 1998 erwarb. Abriss und Neuaufbau erforderten nicht nur viel Mut, sondern auch Kraft, Durchhaltevermögen und gute Nerven. Das Ergebnis mit dem Namen „Galerie zwischen Wetterstein und Bodensee" konnte sich sehen lassen. Gleichzeitig erblickte dazuhin unsere Tochter Emilia Anna die Welt. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, in Nannenbach eine Alters-WG zu gründen. Nun gefiel mir das Familienleben und die Aussicht, hin und wieder in unserer Galerie ein Konzert oder eine Lesung zu veranstalten. Als ich dann 2011 auch noch den Zuschlag erhielt, die Frederick Simms Hütte zu bewirtschaften, war der Weg geebnet für einen Arbeitsausklang in der Mitte meiner Siebzigerjahre. Im April 2024 begehe ich mein 60-jähriges Arbeitsjubiläum, im Oktober vollende ich mein 75. Lebensjahr und beende damit meine Hüttenwirtslaufbahn. Ein Grund, Danke zu sagen für ein erfülltes Leben. Danke an alle meine treuen Gäste auf den verschiedenen Hütten, danke an alle meine Mitarbeiter, danke an alle ehrenamtlichen Helfer, danke an all meine Freunde, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen. Danke an meinen Verleger Achim Pasold, danke an Bernd Sebald, der stets zuverlässig meine Internetseite betreut. Danke an meine Familie, die immer Verständnis für meinen geliebten Beruf hatte. Und nicht zuletzt habe ich in ganz besonderer Weise meinem Bruder Wolfgang zu danken. Ohne ihn wäre die Galerie zwischen Wetterstein und Bodensee heute nicht so, wie sie ist. Dieser Kalender mit seinen vierzehn Bildern soll ein kleiner Querschnitt durch mein Leben sein und eine kleine Erinnerung an alle, die meinen Lebensweg in irgendeiner Form gekreuzt haben.

In diesem Sinn: Danke für Alles. Euer Charly
Nannenbach, im Mai 2024

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Leben Hüttenwirt 122
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13. März 2027
um 19:00 Uhr
Ort
Ludwig Forum – Space
Redner
Charlie Wehrle
Eintritt
Mitglieder: 9,00 €
Nichtmitglieder: 14,00 €